Die Walküre - Klaus Billand Der-neue-merker.eu 2011 (Brasil)

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Sao Paulo/Brasilien:DIE WALKÜRE – Premiere am 17. u. 19.11.2011

Die Walküren, 3. Aufzug. Foto: Heloisa Bortz

André Heller-Lopes, der dynamische brasilianische Nachwuchsregisseur, rückt mit ebenso einfallsreichen wie interessanten Neuinszenierungen immer mehr ins Zentrum des brasilianischen Operngeschehens. Dieses hat sich in den letzten Jahren, nicht zuletzt auch dank des Amazonas Opernfestivals in Manaus seit 1997, signifikant weiterentwickelt. Dort erarbeitete Heller-Lopes im vergangenen April eine bei Publikum und Presse erfolgreiche „Tristan und Isolde“-Inszenierung – als Einspringer mit minimaler Vorbereitungszeit. Bereits dreimal gewann er den Carlos Gomes-Preis und war als Regisseur beimRoyal Opera House Covent Garden für das Young Artists Programmeengagiert. Hier arbeitete er einige Zeit mit Keith Warner, auch an dessen Londoner „Ring“. Dem österreichischen Publikum hat sich Heller-Lopes mit einer mitreißenden und unkonventionellen „Tosca“-Inszenierung am Salzburger Landestheater im Haus für Mozart im März 2010 vorgestellt (Der Merker berichtete).

 Die „Walküre“ wurde am Theatro Municipal von Sao Paulo über 50 Jahre nicht mehr gegeben. Dies war das erste Mal, dass sich ein brasilianischer Regisseur mit einem Teil des „Ring“, und dazu noch in seinem Heimatland befasst. Für Heller-Lopes war es wichtig, mit seiner Interpretation den idealen Schnittpunkt zwischen Tradition und Moderne zu finden, wohl wissend, dass es bei einem so universalen und komplexen Werk wie dem „Ring“ niemals eine „richtige Lösung“ geben kann. Ausgangspunkt war für ihn die Philosophie Ludwig Feuerbachs, der in seinem Werk „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ von 1843 die Verwirklichung und Vermenschlichung Gottes als Aufgabe der neueren Zeit sah. Feuerbachs Zitat „Gott ist Liebe“, womit der Philosoph im Prinzip die Menschwerdung des Gottes durch die Liebe versteht, wird für Heller-Lopes tatsächlich ein nachvollziehbarer roter Faden durch seine „Walküre“. Er will mit ihr auch zeigen, dass der „Ring“ etwas über jeden von uns erzählt.

 Mit diesem Grundkonzept gewann er Renato Theobaldo als Co-Bühnenbildner, Marcelo Marquesals Kostümbildner und Fábio Retti als Lichtdesigner. Mit ihnen kommt er zu einer äußerst schlüssigen Interpretation der „Walküre“, in der er das Zerbrechen der göttlichen Autorität Wotans durch die Macht und Zwänge der Liebe in ebenso einfallsreicher Weise wie überzeugender Optik darstellt. Dies ist auch in anderen Produktionen oft gelungen. Das Besondere an Heller-Lopes´ Regiekonzept ist, dass er brasilianische Kulturmythen vom afroamerikanischen Synkretismus über religiöse Bräuche und mythologische Folklore aus Nordost- und Zentralbrasilien homogen in seine Inszenierung einbaut. Wotan hat statt in der Sicherheit eines über allem erhabenen wilden Felsengebirges im 2. Aufzug in einem jener Wallfahrtsorte Zuflucht gesucht, wo Gläubige nach erfolgreicher Heilung sog. ex-votosdeponieren, beispielsweise selbstgeschnitzte Beine oder Arme für geheilte Brüche. Diese Relikte hängen in großer Zahl an der Decke. Die Wände des beengenden Raumes sind voll mit Bildchen der Brasilianer, die dem heilenden Gott hier gedankt haben und ihn bewundern – ein opulentes Bild. Hier allein fühlt sich Wotan noch sicher, hier genießt er bis zur zentralen Auseinandersetzung mit Fricka noch Autorität. In Brasilien gibt es viele solcher Wallfahrtsorte, der wohl bekannteste ist Aparecida do Norte. In Europa sind u.a. Lourdes und Fatima ein Begriff. In farbenprächtigen Kostümen tollen die Walküren mit Wotan zu Beginn des 2. Aufzugs an den berühmten langen bunten Bändern des Wallfahrtsorts Senhor do Bonfim im Bundesstaat Bahia. Bei einem Besuch dort bindet man sie sich mit einem Wunsch um den Arm. Der Wunsch geht in Erfüllung, wenn das Band abfällt… Eine weitere stimmige Referenz an spezifisch brasilianisches Kulturgut ebenso wie die Darstellung des Walkürenritts als folkloristischer Reitertanz beim Fest von Pirenópolis im Staate Goiás, wo jedes Jahr eine brasilianisierte Form mittelalterlicher Ritterspiele unter enormem Publikumszuspruch praktiziert wird.

 Das alles hat etwas brasilianisch Leichtes und Farbiges. Heller-Lopes versteht es aber ebenso gut, starke und auch dunkle Kontraste zu setzen. Bereits zum Vorspiel des 1. Aufzugs sehen wir die Walküren in einem wilden, fast kämpferischen Tanz mit den Männern Hundings. Ein mondänes, bourgeoises Wohnzimmer wird sichtbar, das von oben bis unten von der mythisch wirkenden Weltesche durchwachsen ist. Der leicht homoerotische Hunding ist von Sicherheitsleuten in Alltagsanzügen umgeben, alle in Schwarz, welche die Erzählung Siegmunds mit professionellem Argwohn verfolgen. Sieglinde ist die entwürdigte, zur Ehe gezwungene Frau, in einem arabisch stilisierten Outfit, die leidenschaftlich die Chance mit Siegmund nutzt, aus dieser Zwangslage zu fliehen. Heller-Lopes, der sich explizit nicht dem Wagnerschen Regietheater zugeneigt fühlt, bleibt trotz der facettenreichen interkulturellen Regieeinfälle eng an der Werkaussage. Es gibt einige äußerst fantasievolle und interessante Momente, die man so in europäischen und amerikanischen Inszenierungen noch nie sehen konnte. Der beeindruckendste davon ist zweifellos das Finale: Wo man normalerweise beim musikalischen Höhepunkt von Wotans Abschied eine stürmische Umarmung erwartet, entpuppt sich Brünnhilde unter Wotans heftigem Abschiedskuss zur Braut. Statt in ihrem grellen Walküre-Rot steht sie auf einmal strahlend im weißen Brautkleid da! Der Gott wendet in unmittelbarer Konsequenz seinen Mantel, der nun zum Wanderer-Gewand wird, auf dem auch universale kulturelle Referenzen sichtbar werden, wie bildliche Darstellungen aus dem alten Ägypten. Damit vollzieht auch er die Trennung von der Tochter und singt den Bannspruch bereits als Wanderer. Brünnhilde ist von der plötzlichen Menschwerdung überwältigt, die sie offenbar an ihre Erfahrung aus der Todverkündigung erinnert – es passt phantastisch zur hier erklingenden Musik. Statt einfach von Wotan in den Schlaf geküsst zu werden, kann sie nun nach einem anmutigen Tanz zu den letzten Takten der Musik selbst in einen erlösenden menschlichen Schlaf sinken – in einem von den Walküren vielfach reflektierten imposanten Fuerzauber.

Janice Baird bringt als Brünnhilde ihr ganzes großes Charisma mit einer bewegenden Mimik nicht nur in diese zentrale Szene ein. Nach einem kraftvollen Hojotoho singt sie die Rolle mit ihrem farbigen Sopran kraftvoll bei guten Höhen und mit starker Emphase, sowie großer Wortdeutlichkeit. Im 3. Aufzug hat sie ihre stärksten Momente. Stefan Heidemann singt und spielt einen überaus engagierten Wotan, eine Rolle, die er zum ersten Mal im Lübecker „Ring“ gesungen hat. Er hat nicht das große Volumen wie einige seiner Vorgänger, betont aber stets klangschön die gesangliche Linie, die er mit einer blendenden Höhe krönt. Der Brasilianer Martin Muehle kann als Siegmund, mit dem er debütiert, weitgehend überzeugen. Sein Tenor ist baritonal grundiert, die Höhen klingen gut, die Wälserufe gar ausgezeichnet. Der Stimme fehlt es jedoch an Resonanz und Klangfülle. Darstellerisch spielt er den tragischen Helden sehr authentisch. Die Schottin Lee Bisset war die Sieglinde in der Premiere. Sie singt die Rolle mit einem vollen, leicht abgedunkelten und wohl timbrierten Sopran, den sie sehr gut führt, jedoch im 2. Aufzug etwas überstrapaziert. Auch Lee besticht durch intensives Spiel und gute Mimik. In der zweiten Aufführung war Eiko Senda die Sieglinde. Sie spielt die Rolle sehr emphatisch, hat auch gute Höhen. Allerdings ist die Stimmführung nicht immer ganz sauber, und es gibt Vokalverfärbungen in den tieferen Lagen, wo sie auch zu sehr deklamiert. Die BrasilianerinDenise de Freitas debütierte als ausdrucksstarke Fricka. Sie hat einen klangvollen Mezzo, der sich in erster Linie im italienischen und französischen Fach bewährt hat. De Freitas singt die Fricka mit viel Ausdruck und Engagement, was aber etwas zu Lasten der gesanglichen Linie geht. Sicher ist die Fricka für sie eine Grenzpartie. Der Amerikaner Gregory Reinhart singt den Hunding mit einem kräftigen Bass, leider etwas eindimensional und zu sehr auf Lautstärke bedacht. Großartig übrigens der Regieeinfall, ihn mit seinen Männern vor Fricka mit dem Baseball-Schläger nach vollbrachter Tat um Anerkennung flehen zu lassen und ihr blankes Entsetzen zu zeigen, als nach Wotans „Geh!“ alle der Reihe nach tot umfallen. Auch das Walküren-Oktett, bestehend aus Monica Martins (Gerhilde),Maíra Lautert (Ortlinde), Keila de Moraes (Waltraute), Laura Aimbiré (Schwertleite), Veruschka Meinhard (Helmwige), Lídia Schäffer (Siegrune), Adriana Clis (Grimgerde) und Elayne Casehr(Rossweiße) überzeugte, wobei Adriana Clis mit ihrem guten Mezzo besonders herauszuhören war.

Das Symphonische Orchester des Theatro Municipal gab unter der Leitung von Luiz Fernando Malheiroder den „Ring“ von 2002-05 schon in Manaus dirigierte hattesein Bestes, wobei zu berücksichtigen ist, dass es drei Jahre wegen der Schließung des Hauses kaum spielte, insbesondere keine Oper. Es begann zunächst recht gut mit einem dynamischen Vorpiel zum 1. Aufzug, perfekt abgestimmt auf das bewegte Geschehen auf der Bühne. Auch die musikalische Feinzeichnung der Annäherung Sieglindes und Siegmunds gelang intensiv. Im weiteren Verlauf kam es jedoch immer wieder zu Wacklern und Unebenheiten im Orchester, zumal bei den Streichern. Man merkte nun doch die fehlende Spielpraxis. Dazu kam, dass Malheiro des öfteren zu langsame Tempi setzte, so z.B. bei„Ein  Schwert verhieß mir der Vater…“ bis zum Finale des 1. Aufzugs und in der Todverkündigung. Darunter litt bisweilen die Abstimmung zwischen Graben und Bühne. So konnte der orchestrale Teil zumindest an diesen beiden Abenden noch nicht an die Qualität der Inszenierung heranreichen. Möglicherweise wird sich das mit längerer Spielpraxis und Zusammenarbeit des Dirigenten mit dem Orchester noch ergeben. Ira Levin, der erst im September mit dem Orchesta Estable am Teatro Colón in Buenos Aires einen neuen „Lohengrin“ erarbeitet hatte, konnte mit dem ebenfalls aufgrund einer längeren Renovierung des Hauses relativ Wagner-entwöhnten Klangkörper zu einem wesentlich geschlosseneren und intensiveren Klangbild finden. Es ist zu hoffen, dass André Heller-Lopes diesen so eindrucksvoll begonnenen „Ring“ in Sao Paulo fortführen kann. Er hat mit der „Walküre“ schon jetzt einen bemerkenswerten Beitrag zur interkulturellen Rezeption der Tetralogie geleistet.                          

(Fotos in der Bildergalerie)

 Klaus Billand